• RSS
  • Das 30 Millionen Nettekoven Projekt - oder alles nur Fassade?

verfasst 01.12.2011 von Redaktion [Gr] | kurze URL: /t1601 | 41 Kommentare

Das 30 Millionen Nettekoven Projekt - oder alles nur Fassade?

Gestatten Heinz Nettekoven - der 84-Jährige will 30 Millionen in eine Passage auf der Görlitzer Berliner Straße investieren. Zunächst gab es eine Projektvorstellung im Technischer Ausschuss. Die neue Passage soll dabei den oberen Teil der Berliner Straße beleben. Hierbei handelt es sich um eine Ladenpassage die über mehrere Häuser geht. Überdacht mit Glas und Stahl soll eine Verkaufsfläche von mehr als 10000 Quadratmetern sowie ein Parkhaus entstehen. Im Technischer Ausschuss ist man sich bereits einig - Görlitz braucht das. Bedenken gibt es aber dennoch. Herr Nettekoven ist auch Geschäftsführer der Weimarer Firma Florana (Grundstücksverwaltungs- und Immobilienverwertungs) die den Bau und die Vermietung der Flächen übernimmt. Genau mit jene Firma mit es in der Vergangenheit bei anderen Projekten schon oft Streit gab.

Heinz Nettekoven nennt für seine Projektvorstellung auch Referenzen: Zum einem die „Löbtau Passage” in Dresden und das Reudnitz-Center in Leipzig. Wobei es noch weitere gibt, aber schon die zwei Projekte sorgten für reichlich Wirbel.

2004 gab es Streit um das Reudnitz-Center in Leipzig. Streitpunkt war der Einzug einer Zwischendecke wodurch die Denkmalschutzauflagen verletzt wurde. 2010 gab es Streit beim Nahversorgungszentrum am Straßburger Platz in Dresden. Hier wurde die geplante Höhe der Gebäude bei der Planung nicht eingehalten. Stadtplanung und Architekten legten Wert darauf, dass sich der Bau an die umliegenden Gebäude anpasst. 2011 dann der nächste Streit beim Projekt Friedrichstraße in Dresden. Hier wollte man für 16 Millionen Euro einen Geschäfts- und Parkkomplex aufs Eckgrundstück Friedrich-/Weißeritzstraße in Dresden bauen. Für den 08/15-Bau sollten dann aber auch 87 Bäume fallen. Bei einer Computer-Visualisierung der Firma Florana wurde Bäume gezeigt, die es im Wirklichkeit aber gar nicht gab. Seit dem wehrt sich eine Bürgerinitiative und sammelt Unterschriften. Kritikpunkte gab es auch bei den Canaletto-Passagen in Dresden. Der Bau sei viel zu groß und die Verkaufsflächen überdimensioniert. Hier gab es auch Kritik vom FDP-Ortsbeirat Torsten Hilbrich „Damit machen wir die Einzelhändler in der Nähe für die nächsten 30 Jahre tot”. (SZ)

Bereits 2009 gab es Kritik bezüglich der Bauten. Hier eine von vielen: „Florana :ohno:! Wieso, ganz einfach, die verschandeln mit Ihren Billig-Shoppingcenter die ganze Stadt. Die Löbtau-Passage sieht zum brechen aus, der Neubau am Bahnhof Mitte und an der Bautzner Landstraße ist 08/15 Architektur. Die bauen die Dinger nur, um mehr Parkplätze in die Stadt zu intigrieren. Furchtbar, bitte nicht!” (skyscrapercity.com)

Von Seiten der Gesell­schaft His­to­ri­scher Neu­markt in Dres­den gab es bereits schon starken Wider­stand. Man wollte Barock­vier­tel nicht durch Plattenbau verschandeln lassen. Mit Schrägdä­chern und klei­nen Fens­tern sollte man sich an einer his­to­ri­schen Bebau­ung ori­en­tierten und viele Dresdner Bürger sahen das ebenso - die wurden aber nie nach ihrer Meinung gefragt. (SZ)

Die Freie Presse schrieb von einem Einkaufszentrums an der Schillerstraße in Zwickau. Hier gab es Kritik vom Einzelhandel. Der Kundenstrom könnte von den umliegenden Märkten abziehen. Die Firma von Nettekoven hat dann dieses Projekt fallen lassen. Eine Erklärung gab es nicht mehr. (freiepresse.de)

Ob der einer Passage auf der Görlitzer Berliner Straße nun wirklich der Stadt etwas bringt, wird in nächster Zeit noch genug Gesprächsstoff bringen. Sei es die langweiligen Fassaden und die 0/8/15-Betonblöcke die nicht in das Stadtbild passen, die überdimensionierten Verkaufsflächen mit enormen Preisen, noch einem Parkhaus (nicht mal das Parkhaus Bahnhofstraße ist ausgelastet), zusätzliche Arztpraxen wo allerdings die Ärzte fehlen, über viele Dinge muss noch diskutiert werden. Während das bisherige Kaufhaus am Demianiplatz vor sich hin vergammelt, wird an andere Stelle überlegt einen neuen Komplex zu bauen.

Bringt es nun wirklich der Stadt Görlitz einen Segen oder Herrn Nettekoven mit seiner Firma Florana mehr Geld in die eigene Tasche? Wie wird der Einzelhandel darauf reagieren? Wird dann das Görlitz City-Center überflüssig? Wer braucht dann noch die jetzige Passage zwischen Berliner Straße und Wilhelmsplatz? Ist die Kaufkraft in Görlitz wirklich so groß, dass eine neue Einkaufspassage sich lohnt?

bisherige Kommentare

Die Kommentare spiegeln die Meinung der Leser wieder und stellen nicht unbedingt die Haltung der Redaktion dar.
1
01.12.2011
Unbekannt meint dazu:
... seit wann werden 84-jährige noch für voll genommen???

2
02.12.2011
Unbekannt meint dazu:
@ 1:
Wenn sie über viel Geld verfügen, damit die Stadträte umgarnen und im Anschluss machen was sie wollen. Spätestens dann sollte man sie ernst nehmen.

Ansonsten Danke für den Beitrag. Ich hoffe, dass das Projekt nicht realisiert wird. Görlitz sollte sich genau überlegen, ob ein weiteres Center nötig ist.

Viele Grüße aus Dresden.

3
02.12.2011
Unbekannt meint dazu:
Ich denk wir brauchen da keine Angst haben-die zerreden das eh wieder im Stadtrat.Man sollte lieber wieder das Kaufhaus in Gang bringen aber da warten sie lieber bis es von alleine einfällt.City-Center ist genauso ein Witz-nur Billigläden und wenn man sich mal setzen will -geht nicht ,denn auf der einzigen Bank sitzt die Görlitzer Trinker-Elite

4
02.12.2011
eNeum meint dazu:
Ich finde dieses Bauvorhaben nicht in Ordnung, da will sich ein reicher Mann die Taschen noch voller hauen, als diese schon eh sind un das auf Kosten unserer schönen Stadt!!
Wieso sollte bitteschön Görlitz NOCH EINE Einkaufspassage benötigen? Was für ein Quatsch! Was ist mit dem City-Center oder das leerstehende Jugendstilkaufhaus?

Und natürlich brauchen wir "unbedingt" noch einen riesigen zusätzlichen Parkplatz, das leerstehende Parkhaus gegenüber dem Kino reicht wohl nicht aus?

Und wieso sollten die alten denkmalgeschützten Häuser nicht gut genug sein, damit sich da andere Geschäfte ansiedeln? Ein ultramodernes Kaufhaus ist doch auch keine Garantie. Görlitz sollte lieber bei den alten denkmalgeschützten Häuser ansetzen...wie wäre es mit einer "oldschool-Berliner Straße", alles im alten Still, wie damals, dann würden auch die Touristen kommen, ... topmoderne Einkaufszentren gibts in jeder Stadt, lasst uns doch von den anderen Städten abheben, nicht jedem "Trend" nachlaufen.

5
02.12.2011
Unbekannt meint dazu:
Ach ja - die Träumer aus dem Rathaus Görlitz!

Wer weiß, wer von den Herren Stadträten wiedereinmal versucht sich von solch idiotischen Vorhaben einen persönlichen und - oder - einen finanziellen Vorteil zu schaffen.

Die Stadt der Träumer oder soll man sagen der unfähigen Stadträte schlägt ein weiteres Kapitel des Buches "Träumen in der östlichsten Stadt Deutschlands" auf.

Noch garnicht so lang ist es her, da träumten die Herren Stadträte von einem Millionenprojekt am Berzdorfer See mit Hotelanlagen usw. . Was daraus geworden ist, wissen wir alle.

Also in diesem Sinne liebes Görlitzer Rathaus - träume weiter aber verschone die Görlitzer Bürger mit solch einem groben Unfug - dies haben die Bürger und die Stadt nicht verdient.

6
04.12.2011
Frabi meint dazu:
Das gab es doch schonmal in den 90-ern. Ein "Investor" kaufte damals Grundstücke zwischen der Berliner und der Salomonstraße um da eine Passage zu bauen. Geschäfte mussten Hals über Kopf zum Jahresende 1997 räumen. Ein paar Monate später wurde alles "rückabgewickelt", die Geschäfte waren weg und der Investor hat nicht mal die Grundsteuer gezahlt. Das Ergebnis sieht man auf der oberen Berliner- und der Salomonstr. noch heute. Schönes Wochenende!

7
07.12.2011
Ali Bombali meint dazu:
Gibt es hier dann nur Negativität? Wenn Görlitz nicht mitmacht geht das Einkaufsgeld nach Bautzen oder Dresden.
So etwas ist sehr willkommen für Görlitz. Und die Polen kaufen dann noch mehr. Vorteil für Allen. Gut dass es solche Investoren gibt - wenn die alten Kommies sich damit nicht bemühen dann kommt es auch gut.

8
07.12.2011
Unbekannt meint dazu:
Schaut Euch doch das City-center an-da hiess es auch es kommen nur neue Händler hin-ich weiss bloss die SZ war früher jakobstrase,Kik in Rauschwalde,der Schreibwarenladen war auf der Salomonstrasse-die verteilen alles nur um -ja Parkhäuser brauchen wir auch viele.Görlitz muss selber was machen und nicht auf 84-jährige Investoren zurückgreifen die sich die Taschen füllen wollen!Es sollte mal der Stadtrat komplett ausgewechselt werden nicht immer nur dauernd die OB-egel wer grad OB ist!

9
07.12.2011
Unbekannt meint dazu:
Ich finde auch das ein richtiges Center hier noch fehlt. Das bisherige CityCenter ist kein Einkaufscenter das ist ein Expert mit einem Bäcker und einem Chinaimbiss. Warum fährt man denn nach BZ, HY oder DD? Weil man dort Einkaufscenter findet in denen ich alles bekomme was ich kaufen möchte, ohne das ich ewig rumkurven muss in der Stadt. Das alte Karstadt ist dafür einfach nicht groß genug. Sollen sie das Citycenter zu machen und dafür ein richtiges Center erschaffen.

Ob das nun ein Plattenbau wird oder die alten Ruinen auf der oberen Berliner noch mehr verfallen ist eigentlich auch relativ egal.

10
07.12.2011
Unbekannt meint dazu:
Naja, die Frage ist doch auch, ob sich ein großes Einkaufscenter bzw. eine weitere Passage denn halten könnte bzw. die Geschäfte darin. Wer hat denn schon groß Geld um shoppen zu gehen. Wie viele Läden eröffnen und schließen schneller wieder, als sie eröffnet haben ?!?!?

11
07.12.2011
Unbekannt meint dazu:
Recht haste Frabi und eben diesen "tollen" Investoren wurde der rote Teppich ausgerollt und nach allen Regeln der Kunst durch Lobyismus der Zucker in den Arsch geblasen und was die Stadt davon hat sieht man z.B. jetzt auf der Konsulstraße mit der schönen Villa am ehemaligen Skodaautohaus und eben dieser Investor hätte mal lieber keinen Sand auf den Obermarkt schütten sollen um ein Beachballturnier zu inszenieren um sich selber darzustellen.

12
08.12.2011
jan meint dazu:
danke für den beitrag. die sächsische zeitung lässt dieser tage ja kaum ein kritisches wort zu. es gibt aber eine online-umfrage zu diesem projekt, die wird erst mal nichts ändern, könnte aber der sz signalisieren mal etwas ausgewogener zu berichten: http://www.sz-online.de/passage

@ Ali Bombali: das die obere berliner straße revitalisiert werden muss, steht ja außer frage, aber doch bitte nicht mit charakterlosen gebäuden wie es nettekoven und co. andern orts vorgemacht haben - das löbtau-center dresden ist scheußlich. immerhin mussten in dresden dafür eine häuser fallen, da hat der krieg schon platzt gemacht für solche vorhaben. aber müssen in unserer stadt wirlich noch mehr kriegsverschonte häuser zu friedlichen zeiten fallen ? kann man aus den fehlern der jüngsten vergangenheit nicht lernen und ein zweites city-center-drama verhindern ?

13
08.12.2011
Unbekannt meint dazu:
Die SZ hängt eh die Fahnen in Wind-dürfte es garnicht geben merkt man genau was die für gut befinden und was nicht!

14
08.12.2011
Redaktion [Gr] meint dazu:
Wir haben auch eine Umfrage, die allerdings bis in das nächstes Jahr reicht. Hier geht es zur Umfrage: Sind sie für eine neue Einkaufspassage auf der Berliner Straße?

15
08.12.2011
jan meint dazu:
naja, die frage sollte eher sein, ob man die aktuelle nettekoven-variante möchte oder nicht. eine kleine ladenzeile wie die strassburg-passage würde vielleicht besser zu görlitz passen und vielleicht auch realisierbar sein zwischen berliner und salomon-strasse.

16
08.12.2011
tom meint dazu:
ich stimme meinem vorredner zu. eine passage zwischen berliner str. und salomonstr. wäre schon belebend und chic, aber eher nicht die nettekoven-variante.Sie sollte nicht so protzig ausfallen (weniger ist mehr), die vorhandene bausubstanz intelligent nutzen und nur behutsam verändern. wenig nützt es der stadt und den menschen, wenn dadurch die existenz vorhandener geschäfte gefährdet wird.und nur die händler von da nach dort umschichten, schafft den leerstand anderswo und hilft nicht wirklich weiter.
optimal wäre eine kombination aus wiederbelebung des kaufhauses und einer kleineren aber stilvollen passage an der oberen berliner straße.
was tut die stadt eigentlich für das kaufhaus?

17
10.12.2011
Unbekannt meint dazu:
"
was tut die stadt eigentlich für das kaufhaus?
"

nicht genug offensichtlich - eben so viel , wie für die breitbandversorgung .

18
10.12.2011
Unbekannt meint dazu:
Ich denke so ein Einkaufscentrum braucht Görlitz nicht, daß was wir haben ist auch Schrott. Görlitz wird es nicht so schnell wieder hinbekommen, dass "Centrum" wieder zu beleben, dabei könnte man die beiden vieleicht sogar verbinden und ein großes drauß machen.

19
10.12.2011
Unbekannt meint dazu:
Genau,wir lassen diese Ecke lieber weiter verdrecken und verfallen . Bloß nichts neues in Görlitz . Zusätzliche Arbeitsplätze und Steuereinnahmen brauchen wir nicht . Schon gar nicht mehr Kundschaft aus der Umgebung , welche Ihr Geld in der Stadt lassen . Diese schicken wir nach Bautzen oder Dresden . Immer weiter so , in Deutschland laufen alles nur Leute herum die Görlitz böses tun wollen

20
12.12.2011
tom meint dazu:
@ unbekannt nr. 19
superkonstruktiver beitrag, alle achtung und danke!

aber davon war gar nicht die rede. weniger gigantomanie und mehr nachdenken, weniger andere machen lassen und mehr selbst initiativ werden, das wäre die devise.

frage nicht, was dein land (deine stadt) für dich tun kann, sondern was du für dein land (deine stadt) tun kannst.
john f. kennedy

21
29.12.2011
Heide Octavia meint dazu:
Mangelnde Kaufkraft in Görlitz - Ursache oder Folge des wirtschaftlichen Niedergangs einer Stadt?

In den vergangenen Tagen wurden Aspekte der >>Einkaufspassage auf der Berliner Straße<< ausführlich diskutiert, Sichtweisen dargestellt und das Für und Wider erörtert. Die dazu veröffentlichten Beiträge reihen sich in eine Liste ein, die ernüchternd ist für Görlitz, was die überwiegende Zahl der >>Topthemen<< der vergangenen Jahre betrifft.

Mangelnde Kaufkraft ist nicht Ursache, sondern Logik und Konsequenz der gravierenden Folgen von Arbeitslosigkeit und demografischem Wandel wie ihn der Landkreis Görlitz erlebt.

Die Wertschöpfung erfolgt primär in der Industrie. Ressourcen, Produktion, Fertigung und innovative Forschung und Entwicklung sind Garant für Wachstum und stabile Beschäftigungszahlen. Einerseits profitieren Händler und Gewerbetreibende von leistungsgerechten Einkommen der Bürger. Ein zufriedener Arbeitnehmer konsumiert und wird am kulturellen Leben teilnehmen. Andererseits kann die Stadt ein gesundes Steuer- und Abgabenaufkommen vorweisen. Dies erlaubt die Schaffung/Instandhaltung einer Infrastruktur, die eine dauerhafte Niederlassung in der Stadt erst attraktiv macht. Eine, so gesehen, recht einfache Formel.

So ist unklar, warum es den politischen Entscheidungsträgern der Stadt Görlitz in den vergangenen Jahren nicht gelungen ist, die dafür notwendigen Weichen zu stellen. Es kann weder von einer gesunden Koexistenz zwischen der Stadt und ihren wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmen noch von einer nachhaltigen Wirtschaftspolitik gesprochen werden. Es muss dafür gesorgt werden, dass die (Groß-)Unternehmen wieder mehr in die öffentliche Wahrnehmung gerückt werden. Die Stadt Görlitz lebt, wie jede andere auch, von und mit ihren Unternehmen.

Das Versagen der Lokalpolitik, profitable Unternehmen stabil anzusiedeln, soll offensichtlich erneut durch den Ausbau des Handels im Stadtzentrum kompensiert werden. Vor dem Hintergrund der aufgezeigten Wertschöpfungskette muss die Strategie der Lokalpolitik, den Handel in Görlitz durch neue und noch größere Einkaufspassagen beleben zu wollen, einfach zum Scheitern verurteilt sein. Die Bedingungen für einen gesunden Konsum sind vielgestaltig. Die Sache ist zu komplex, als dass man ihr allein durch Vorhaltung ausreichend großer und zusammenhängender Verkaufsflächen begegnen kann.

Die aktuell geführten Diskussionen zur Errichtung einer Einkaufspassage auf der Berliner Straße weisen deutliche Parallelen zu Diskussionen auf, die in der Vergangenheit im Vorfeld zu vergleichbaren Projekten geführt worden sind. Man sollte vermuten, die Stadt habe aus ihren Fehlern gelernt. So wurden die avisierten Ziele, mit denen bspw. die Umgestaltung des ehemaligen Café Zentral auf der Berliner Straße/Ecke Salomonstraße und der Abriss des Kaiser-Wilhelm-Theaters zugunsten des City-Centers Frauentor gegenüber dem Denkmalschutz durchgesetzt wurden, keineswegs erreicht. Entweder erfuhren diese Gebäude anhaltenden Leerstand oder wurden von einem Investor zum nächsten durchgereicht.

Der Status der neuen Passage kann bei ähnlichen Randbedingungen, z. B. der nicht gestiegenen Kaufkraft in Görlitz und der prognostizierten demographischen Entwicklung im Landkreis, etwa wie folgt vorhergesagt werden: verlustbehaftetes Spekulationsobjekt. Die Mieter werden aus bekannten Discountern, Anbietern von Dinge des täglichen Bedarfs auf Ramsch-Niveau und dem ein oder anderen Imbiss bestehen. Daran wird Herrn Nettekoven, geistiger Vater des Bauvorhabens >>Görlitzer Einkaufspassage<<, nichts ändern. Was ihn und seinen Vorteil vom Bauvorhaben betrifft, so greift er seinen Absichten vorweg: Grundstücke kaufen, Vorhaben projektieren, Mieter suchen, Objekt errichten, Komplex verkaufen. Dies sollte als Alarmsignal bewertet werden. Mit einer nachhaltigen und gefestigten Wirtschaftspolitik am Standort Görlitz hat das nichts mehr zu tun. Herr Nettekoven ist in erster Linie erfolgreicher Geschäftsmann. Er verkauft, zumindest was sein Projekt in Görlitz betrifft, Illusionen. Wer meint, in ihm eine ausgeprägte soziale Ader für die Stadt erkennen zu können oder die Absicht, Görlitz wirtschaftlich voranzubringen, der ist geblendet.

Bleibt die Frage, warum Görlitz statt in einer nachhaltigen Wirtschaftspolitik in der Errichtung von Einkaufspassagen seine wirtschaftliche Zukunft sieht. Einerseits kann vermutet werden, dass die Stadt sich erneut durch die Diskussion um die Neuerrichtung von Passagen in Bautzen und Zittau in Zugzwang sieht. Ein ähnliches Motiv galt bereits damals bei der Errichtung des Citycenter Frauentor, das als Antwort auf das Kornmarktcenter in Bautzen gesehen werden kann. Man sieht sich bezüglich Bautzen in einem vermeintlichen Wettbewerb, den Görlitz so nicht für sich entscheiden kann. Was Zittau betrifft, wird zwischen den Städten keine Verschiebung im Kundenaufkommen feststellbar sein.

Andererseits zeigen sich grobe Verwerfungen in der Lokalpolitik auf. In den vergangenen 20 Jahren wurden in Görlitz umfangreiche Kulturprojekte auf den Weg gebracht. Dazu zählen das Theater, ViaThea usw. Voraussetzungen dafür waren sowohl umfangreiche finanzielle Ausstattungen der Vorhaben als auch politische Einflussnahme, falls ein Projekt drohte, zu scheitern. Für Kultur war zu jeder Zeit genügend Kapital vorhanden. Es wurde intensiv in der Politik um Unterstützung geworben.
Die wirtschaftliche Facharbeit hingegen, einschließlich der dazu notwendigen Expertise, ist nicht vertreten. So wird eine Kontaktaufnahme und -pflege zu lokalen, regionalen und überregionalen Unternehmen nicht forciert. Es besteht eine mangelnde öffentliche Wahrnehmung niedergelassener Unternehmen. Das praktische Engagement, z. B. die Ausgründung von Unternehmen in Nischen, wie zukunftsorientierte Forschung und Entwicklung im Bereich Energie, Umwelt und Verkehr, ist nicht ausgeprägt.

Kurzum, statt eine weiteren Versuch zu wagen, das Pferd von hinten aufzuzäumen, sollten die Entscheidungsträger der Stadt nun wirklich die >>Topthemen<< anfassen. Dazu zählen Wirtschaft, Arbeit und Soziales. Der Aufbau einer industriellen Wirtschaftsstruktur in der Stadt Görlitz, die damit verbundene Schaffung von Arbeitsplätzen und leistungsgerechte Entlohnung befördern eine gesunde und funktionierende Sozialstruktur. So wird die Kaufkraft gestärkt. Die Entscheidungsträger der Stadt müssen erkennen, dass erfolgreiche Politik mit abrechenbaren Ergebnissen nicht vom Schreibtisch aus zu gestalten ist. Mit der Formulierung von Briefen und deren Versand an Unternehmen in die Schweiz macht man es sich zu einfach. Gutachten zur Beurteilung der Situation des lokalen Handels blindes Vertrauen zu schenken, ist ebenfalls der falsche Weg. Sie geben letztlich die Antwort, die ihr Auftraggeber hören will - mehr und größer soll es werden. Es stellt sich auch die Frage, ob Begutachtungen zum Industriestandort Görlitz durchgeführt worden sind. Und wenn ja, wann zieht man aus deren Ergebnissen die Konsequenzen? Sich auf Gutachten zu beziehen, die eine verzerrte Realität wiedergeben, ist bedenklich. Auch einem Bauunternehmer, der das Geld in die Stadt bringen will und unter der Maßgabe, dass es für ihn ein Spekulationsobjekt darstellt, zu vertrauen, ist definitiv nicht der richtige Weg.

22
29.12.2011
Unbekannte aus der S meint dazu:
Hochachtung @Heide Oktavia! Alles gesagt und mir aus dem Herz gesprochen! Mach weiter, erkläre es auch unseren Stadtoberen, vielleicht öffnet es ihnen die Augen...

23
30.12.2011
Unbekannt meint dazu:
Danke Frau Oktavia, ich stimme ihnen zu 100 % zu.

24
05.01.2012
Heide Octavia meint dazu:
@ Unbekannte Nr. 22

Ich danke Ihnen für Ihr positives Echo. Das macht Mut.

Es tut unheimlich in meinem Herzen weh, wenn man sieht, wie einfallslos und teilweise gar naiv die Entscheidungsträger argumentieren. Es schmerzt auch, dass seit 20 Jahren im Grunde genommen kein Konzept zur nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt Görlitz existiert. Man hat seitens der politischen Entscheidungsträger der Stadt die Funktion einer Wertschöpfungskette einfach nicht verstanden. Man versagt regelrecht.

Und es tut vor allem dann weh, wenn im Rahmen von Fehlentscheidungen Gebäudesubstanz rückgebaut wird, wobei der Wert der Nachnutzung mittel- und langfristig weitaus geringer ist, als der Erhalt der städtebaulichen Substanz, auch der idelle. Ein Beispiel aus jüngerer Zeit, der Rückbau des historischen Waggonbauwerkes I auf der Christoph-Lüders-Straße, reiht sich in die Liste baulicher Mahnmale in der Stadt Görlitz ein. Einen ganzen Stadtteil wollte man neu entwickeln. Der historische Hintergrund verlangte geradezu nach Wiederansiedlung von Industrie, Forschung & Entwicklung und Handwerk. Durch dezente Eingriffe in die Substanz und moderne Infrastruktur hätte man entsprechende Voraussetzungen schaffen können. Diese Chance wurde erneut nicht wahr genommen, errichtet wurde ein Parkplatz. Dieser steht zudem oftmals komplett leer.

Gut, jetzt könnte natürlich behauptet werden, die rückgebauten Gebäude waren kein Denkmal, weil sie in keiner entsprechenden Datenbank erfasst waren. Für mich muss ein Denkmal in keiner Liste stehen, um sich den historischen Aufstieg von Görlitz zu einer modernen und wohlhabenden Industriestadt vor Augen zu führen.

Ich finde es unheimlich aufregend, wenn moderne Industrie in historischen Quartieren wirtschaftet, wenn Moderne auf Historie trifft. Das drückt Lebendigkeit aus. Und gerade Görlitz hat in meinen Augen das Potenzial dazu und die notwendige Infrastruktur. Was eben fehlt, ist der Wille, die Bereitschaft, für sein (politisches) Handeln Verantwortung zu übernehmen, gefestigte Konzeptarbeit usw. Und ganz wichtig, die Görlitzer sind abgestumpft. Die öffentliche Wahrnehmung erfolgreicher Unternehmen der Stadt ist faktisch nicht mehr vorhanden. Die Erkenntnis, dass Görlitz nicht nur von sondern vor allem auch mit seinen Unternehmen lebt, ist nicht ausgeprägt.

Kurzum: Ich nehme Ihre Worte, den Oberen die Augen zu öffnen, sehr ernst. Doch mit einer verbalen Einschätzung der Lage allein ist es nicht getan. Kritik heißt, nicht nur Fehlstände aufzuzeigen, sondern auch Aussicht zu geben, wie das ein oder andere ggf. anders angegangen werden kann. Ich will nicht sagen, unbedingt besser... aber eben anders.

Ich habe dazu eine Ideenskizze entwickelt. Sie benennt ein Werkzeug, wie man Unternehmen nachhaltig niederlassen könnte. Ich bin mir allerdings noch unsicher, ob ich es hier veröffentlichen darf, weil es ca. 3 DIN-A4-Seiten umfasst. Auf jeden Fall versuche ich den ein oder anderen Entscheidungsträger zu erreichen und ihn zum Nachdenken anzuregen.

25
05.01.2012
Heide Octavia meint dazu:
FAZ verfolgt die Entwicklung in Görlitz

Bitte beachten Sie auch folgende erschienene Beiträge:

Schönbach, Ulli: Architektonisch kommerzieller Einheitsbrei. SZ-Online, 4. Januar 2012

Grünzig, Matthias: Auf nach Bautzen. FAZ, 03. Januar 2012

Sogar die renommierte Frankfurter Allgemeine Zeitung ist auf Görlitz, was die Diskussionen zur Errichtung der Passage betrifft, aufmerksam geworden.

26
05.01.2012
Unbekannt meint dazu:
@Heide Octavia: Bitte veröffentlichen Sie auch Ihr Werk. Nur so kommen frische Gedanken an das Licht, ansonsten verschwindet alles nur in Schubladen! Vielleicht sollte man die FAZ auch direkt in das Boot holen.

27
06.01.2012
Redaktion [Gr] meint dazu:
Wir haben das Schreiben von Heide Octavia als Leserbrief veröffentlicht.
www.goerlitz-real.de/t1639

28
06.01.2012
Cassi meint dazu:
.....eigentlich sollte man dem Stadtrat bei der heutigen Sitzung mal Ihre Ideen vorlegen!!!

29
14.01.2012
Heide Octavia meint dazu:
@ Cassi

Ich habe Ihren Beitrag mit einem sehr positiven Gefühl zur Kenntnis genommen. Auch die Reaktionen in anderen Beiträgen zeigen, dass die Ideenskizze durchaus weiter entwickelt werden sollte. Ich bin Ihrer Aufforderung zur Veröffentlichung insofern nachgekommen, dass den meiner Meinung nach zu beteiligenden Einrichtungen/Institutionen nach und nach die Ideenskizze zugestellt wurden und werden. Der Prozess läuft also, das versichere ich Ihnen.

Die Veröffentlichung im Blog ist für mich als Ideengeberin auch aus Sicht eines notwendigen Qualitätslevels wichtig. Kritik ist natürlich essentiell. Heißt eben auch, nicht nur zu bemängeln sondern auch im Sinne eines konzeptionellen Ansatzes zu zeigen, dass u. U. andere Wege gegangen werden können.

Es wurden gegenüber dem veröffentlichten Leserbrief leichte Modifikationen vorgenommen, Fehler bereinigt. Den unmittelbaren Zugang zum Stadtrat zum jetzigen Zeitpunkt halte ich aus taktischen Gründen und aus Gründen der einzuhaltenden Informationskette für nicht empfehlenswert. Wenn nur genügend Instanzen davon Notiz nehmen, wird die Ideenskizze bzw. die daraus resultierende Diskussion selbständig den Weg in den Stadtrat finden. Dabei sind die fachlichen Einrichtungen der Stadt Görlitz genauso zu erreichen, wie wissenschaftliche und ggf. ausgewählte Medien.

Kurzum: Die Passage ist der Aufhänger, manifestiert sie einmal mehr die politisch motivierten Fehlentscheidungen und das Versagen im wirtschaftlichen Denken der Stadt Görlitz. Darüber hinaus ist es jedoch mein erklärtes Ziel, langfristig ein Umdenken in der Wirtschaftspolitik zu erwirken. Und dies frei von parteipolitischen, egoistischen und finanziellen Motiven.
Ich bin überzeugt, wenn keine Impulse in die städtischen Einrichtungen von außen hereingetragen werden, wird sich in der Stadt Görlitz keine nachhaltige Veränderung/Verbesserung einstellen. Durch die Kapselung der politischen Entscheidungsträger wird – ich sage es hier ganz vorsichtig – im übertragenden Sinne geistiger Inzest betrieben. Es können sich nicht wirklich Mutationen, also neuartige Perspektiven, herausbilden.

30
14.01.2012
Cassi meint dazu:
:-)) dem ist nichts hinzuzufügen!! Da hoffen wir mal, das einigen die Augen geöffnet werden und die richtigen Leute handeln. Görlitz braucht dringend ein Umdenken!

31
14.01.2012
ein Dresdner meint dazu:
Wer sich ein Bild von Herrn Nettekovens Referenzobjekt, der "Löbtau-Passage" in Dresden, machen möchte, der findet eins auf http://quo-vadis-dresden.de/2011-05-friedrichstadt-passage.html (das letzte Bild in dem Artikel). Zum Vergleich die Visualisierung auf http://www.florana.info/referenzen---fertiggestellte-objekte/dresden--kesselsdorfer-strasse-1---tharandter-str-39.htm.

Weiteres zum Lesen darüber gibt es auf http://pro3d.de/blog/ unter dem Schlagwort "Florana".

Ein Dresdner,
der die städtebauliche Schönheit von Görlitz bewundert und sie mit solch einem Bauvorhaben ernsthaft gefährdet sieht.

32
14.01.2012
Cassi meint dazu:
hm........das sieht ja gruselig aus. Die Meinungen dazu ähneln denen hier in Görlitz.

33
14.01.2012
Heide Octavia meint dazu:
Einkaufszentren und Denkmalschutz

Dabei sei auch auf den o. g. Artikel von Katja Hoffmann unter http://denkmaldebatten.denkmalschutz.de/kontroversen/einkaufszentren/ hingewiesen.

Der Artikel ist die Steilvorlage für sämtliche Interessengruppen in unserem Stadtrat. Der Autorin ist durch Zitate auf hervorragende Art und Weise gelungen, genau den roten Faden zu skizzieren, den die Stadt Görlitz erneut streng geradlinig abarbeitet.

Ironischerweise muss Görlitz mit seinen zurückliegenden Bauvorhaben häufig als Negativbeispiel herhalten.

Auch die Argumentation, mit dem Neubau die Kaufkraft in der Innenstadt stärker zu binden, widerlegt der Beitrag auf beeindruckende Weise.

Der Beitrag zeigt darüber hinaus deutschlandweit an praktischen Beispielen genau die wirtschaftlichen und bausubstantiellen Folgen auf, die u. a. auch in diesem Rahmen umfangreich dargestellt worden sind.

34
15.01.2012
Heide Octavia meint dazu:
Heide Octavia

Eine Analyse

„Polen retten in Görlitz Jobs im Einzelhandel“
Umfragen als populärwissenschaftliche Interpretationshilfen zur Manipulation von Mensch und Politik


Die Werbetrommel für die Einkaufspassage Berliner Straße/Salomonstraße wird kräftig gerührt. Diesmal leistet Christian Puppe, seines Zeichens Leiter der IHK-Geschäftsstelle Görlitz, einen Beitrag.

Dazu kann aus den Tages- und Lokalzeitungen (Sächsische Zeitung, Niederschlesischer Kurier) entnommen werden, dass an zwei Tagen im November 2011 polnische Kunden in Görlitz und deutsche Kunden in Zgorzelec (in Summe 659 Befragte) zu ihrem Einkaufsverhalten befragt wurden. Aus den Befragungsergebnissen wird eruiert, dass, neben der Erhöhung der Aufenthaltsqualität, vor allem durch den Neubau einer Einkaufspassage auf der Berliner Straße dem vermeintlich verstärkten Zustrom polnischer Kunden Rechnung getragen werden muss.

Mit den nachfolgenden Schwerpunkten soll gezeigt werden, wie mit Hilfe populärwissenschaftlicher Interpretationen sogenannter Umfragewerte der Mensch und die Politik in Ihrem Entscheidungsraum fehlgeleitet werden. Davon abgesehen, dass sie grundsätzlich Raum für Manipulationen bieten, werden Statistiken als probates Mittel natürlich auch bei der Durchsetzung des Passagenneubaus eingesetzt.


*Aspekt*
Die erste Frage, die sich bei statistischen Erhebungen stellt, ist die nach der Anzahl der notwendigen Befragungen. Der Hintergrund: Es muss auf eine ausreichende statistische Sicherheit der Ergebnisse geachtet werden, damit die Umfrage als repräsentativ bewertet werden kann. Richtwert für die Anzahl der Befragungen stellt die zu repräsentierende Grundgesamtheit, also hier die Personen im konsumfähigen Alter 14+ dar.

So befragten die Mitwirkenden in Summe 659 Personen. Für Görlitz sind ca. 55.000 und für Zgorzelec ca. 31.000 Einwohner benannt. Die Grundgesamtheit für diese Umfrage beträgt demnach etwas weniger als 86.000 Personen unter Berücksichtigung des konsumfähigen Alters. Vor diesem Hintergrund ist die Anzahl der Befragten deutlich zu gering. Es wurde statistisch nur etwa jeder 130. Einwohner befragt. Der Stichprobenumfang sollte mindestens 1500 Befragte umfassen, damit sie als repräsentativ gilt.

Auch das Zitat „Es waren einfach nicht mehr da, die man hätte interviewen können“ (Niederschlesisicher Kurier) kann über den Mangel nicht hinweghelfen. Spätestens hier war klar, dass die Umfrage nicht verwertet werden konnte.


*Aspekt*
Die Umfrage wurde an 2 Tagen im November 2011 durchgeführt. Hierbei stellt sich zunächst die Frage, welche Wochentage dies waren. Montag bis Freitag, Freitag und Samstag oder Samstag und Sonntag? Darüber hinaus stellt sich die Frage, in welcher Woche die Tage lagen. Im Jahr 2011 fiel bspw. der Adventsbeginn auf den 27.11. Eine Woche zuvor lag der Totensonntag. Am 16.11. lag der Buß- und Bettag. Und ab dem 23.11. stand der Dresdner Striezelmarkt dem Besucher offen.
Ein weiterer Aspekt hinterfragt die Tageszeit, zu der die Befragungen durchgeführt worden sind.

Kurzum: Wurden die Befragungen auf polnischer Seite im Zeitraum Montag bis Freitag tagsüber durchgeführt, ist es sehr wahrscheinlich, dass Berufstätige, Lehrlinge und Schüler in dieser Statistik nicht erfasst werden konnten. In dieser Zeit sind typischerweise Senioren und ggf. Arbeitssuchende unterwegs. Fallen Tage auf einen Zeitpunkt nach Eröffnung der Weihnachtsmärkte, so werden statistisch deutlich weniger Görlitzer auch am Wochenende in Polen einkaufen. Weihnachtsmärkte „locken“ Besucher an.

Im Übrigen deutet der vergleichsweise hohe Altersdurchschnitt deutscher Konsumenten von 56 Jahren darauf hin, dass die Befragungen tagsüber durchgeführt wurden. Doch gerade in Polen werden die genannten Einkaufsmöglichkeiten durch Berufstätige vorzugsweise nach 16.00 Uhr und auch verstärkt am Wochenende aufgesucht. In Polen ist Sonntagsarbeit stark verbreitet, gerade im Dienstleistungsbereich. So haben polnische Konsumenten die Möglichkeit, Montag bis Freitag im Rahmen ihres Freizeitausgleiches durchaus auch tagsüber Görlitz verstärkt aufzusuchen.


*Aspekt*
Nach welchen Kriterien wurden die Standorte der Befragungen gewählt?

Es kann vermutet werden, dass Klischeedenken dabei half. Deutsche strömen grundsätzlich und vollständig in das Plaza und den real-Markt während die polnische Kundschaft natürlich ausschließlich den Marktkauf, C&A und die Händler in der Straßburg-Passage aufsucht. Oder doch nicht?

Im Kontext mit dem nachfolgenden Aspekt steht auch, dass Dienstleistungen vorzugsweise im Stadtgebiet angeboten werden. Es stellt sich also auch die Frage, inwieweit an den gewählten Standorten überhaupt mit einem verstärkten Kundenstrom aus Görlitz zu rechnen sein kann.


*Aspekt*
Welche Rolle spielen die erworbenen Produkte oder die beanspruchten Dienstleistungen? Während die Einschätzung, dass polnische Kunden in Görlitz vorzugsweise Drogerieartikel, Lebensmittel und Schuhe kaufen würden, erfahrungsgemäß bestätigt werden kann, sieht es beim Konsum in Polen doch anders aus. Es wird in Polen nicht nur getankt, wie Herrn Puppe vermutet.

Im Ergebnis der Umfrage wird vermutet, dass deutsche Kunden in Polen Geld überwiegend für das Tanken ausgeben. Auch das ist ein Klischee. Wurden die Kunden unmittelbar am Plaza oder dem real-Markt in Zgorzelec befragt, haben sie sicher nicht ausschließlich in Polen getankt. Die Erfahrung zeigt bspw. auch, dass deutsche Kunden gern Baumaterial und landwirtschaftliche Erzeugnisse erwerben. Dazu nehmen Sie auch deutlich weitere Wege ins Landesinnere in Kauf, da auch dann noch der Kostenvorteil überwiegt. Somit ist Zgorzelec oft nicht unmittelbares Einkaufsziel. Auch hier wird ein nicht zu unterschätzender Kundenteilstrom aus der Statistik verdrängt, da er schlichtweg nicht erfasst wird. Darüber hinaus stehen polnische Dienstleistung hoch im Kurs – Frisieren, kosmetische Behandlung und medizinische Dienstleistungen, deren Anbieter allerdings vorzugsweise im Stadtgebiet wiederzufinden sind.


*Aspekt*
Die politischen Entscheidungsträger der Stadtgörlitz bewerben den Passagenneubau u. a. mit dem Argument, dass sich die Einkaufsqualität in Görlitz erheblich verbessern würde. Damit sollen Zielgruppen in der Stadt Görlitz, im Umland von Görlitz und natürlich auch aus Polen angesprochen werden. Herr Puppe allerdings gibt an, dass der Zustrom polnischer Kunden auf die Berliner Straße von derzeit 6,2 Prozent durch die Passage „sprunghaft“ gesteigert werden könnte. Es dürfte schwer sein, mit einem Sprung um realistisch 2 bis 5 Prozentpunkte ein Einkaufscenter für polnische Kunden auf der Berliner Straße zu rechtfertigen.


*Aspekt*
Herr Puppe rechnet 21 Prozent der Görlitzer Unternehmen dem Handel zu. Er würde es begrüßen, wenn sich der Zustrom polnischer Käufer steigern ließe. Hierbei stellt sich die Frage, inwieweit ein Händleranteil von 21 Prozent für eine Kleinstadt wie Görlitz überhaupt als gesund zu bezeichnen ist.

Dazu lohnt sich ein Blick in eine vergleichbar große Stadt, die allerdings vorzugsweise in einer Region mit gesunden Strukturen zu suchen ist. Als Beispiel soll die Stadt Friedrichshafen (Bodensee, BW) angeführt werden. Ihre Einwohnerzahl von ca. 59.000 entspricht der Einwohnerzahl von Görlitz.

2010 waren 15,3 Prozent der Unternehmen in Friedrichshafen dem Handel, Verkehr und Gastgewerbe zuzurechnen. Friedrichshafen – Zahlen, Daten & Fakten. Stand 2. November 2011
Interessant ist auch, dass dieser Wert seit 1999 konstant ist. Im Zeitraum 2007 bis 2010 steigerte sich allerdings die Zahl der Beschäftigten von 71.479 auf 75.875 und damit die kumulierte Kaufkraft.
Mit dem Handel kann die Steigerung der Beschäftigungszahl nicht erklärt werden. Vielmehr stieg in den genannten Zeiträumen die Zahl der Beschäftigten im produzierenden Gewerbe, sprich in der Industrie.

Schlussfolgerung: Die Ausprägung des Handels in Görlitz mit 21 Prozent ist demnach viel zu stark. Ursächlich dafür ist die vergleichsweise geringe Ausprägung industrieller Unternehmen, die Basis der Wertschöpfung. Das hohe Niveau bzw. der beabsichtigte Ausbau des Handels stellt eine gefährliche Entwicklung dar. Es werden zunehmend mehr Arbeitskräfte im Niedriglohnsektor gebunden. Diese sollen dann jedoch die notwendige Wirtschaftskraft erbringen. Das kann nicht funktionieren.


*Fazit*
Die Umfrage verdient ihren Namen nicht. Sie ist aus Sicht der wissenschaftlichen Methodik/Herangehensweise aufgrund der fehlenden Datenbasis wertlos und abzulehnen.

Eine korrekte Herangehensweise hätte auszugsweise und beispielhaft so aussehen müssen:

- Befragung von Deutschen auf Görlitzer Seite
- Befragung von Polen auf Zgorzelecer Seite
- ausreichend großer Stichprobenumfang
- Befragung an unterschiedlichen Tagen, zu unterschiedlichen Tageszeiten und über einen Zeitraum von Januar bis Dezember zur Bereinigung saisonaler Effekte
- Alter der Befragten
- Waren Sie innerhalb der letzten 12 Monate mind. einmal in DE/PL einkaufen?
- Kaufen Sie regelmäßig, gelegentlich oder gar nicht in DE/PL?
- Was kauften/kaufen Sie?
- Beanspruchen/beanspruchten Sie Dienstleistungen?
- Welche Strecke legten/legen Sie dabei durchschnittlich zurück?
- Beabsichtigen Sie, innerhalb der nächsten 4 Wochen erneut in DE/PL einzukaufen?
- ...

Die Interpretationen der Pseudo-Ergebnisse stellen letztlich Vermutungen von Herrn Puppe dar. Auf seinem Tisch liegt keine Bestätigung (O-Ton). Aus den Ergebnissen wird auch nichts deutlich. Es kann aus der mageren Datenbasis nichts deutlich hervorgehen. Vielmehr handelt es sich hierbei um eine gefährliche Entwicklung. Durch populärwissenschaftliche Interpretationen von Pseudo-Umfrageergebnissen wird die Meinung der Bürger gezielt beeinflusst/gebildet, die Politik wird manipuliert.

35
15.01.2012
Cassi meint dazu:
tja......auch hier alles auf den Punkt gebracht. Respekt! Mir stellt sich immer wieder die Frage, welche Handelsunternehmen denn überhaupt bereit wären, in Görlitz ein Geschäft zu betreiben. Denn so viele Handelsketten haben sich schon von hier wieder zurückgezogen, weil einfach der Umsatz nicht kam. Trotz der polnischen Käufer. Wem nützt ein weiteres, ziemlich leeres Einkaufscenter? Was ist denn mit unserem Kaufhaus? Warum investiert Herr Nettekoven nicht in dieses?? Auch den Denkmalschutz nicht zu vergessen. Warum sind die jetzt die "Bösen"? Sie kommen nur der ihnen übertragenen Aufgabe nach. Was die angesprochene Umfrage betrifft, einfach lächerlich, so etwas als statistische Erhebung zu nehmen. Interessant wäre auch, wie es sich in anderen Grenzstädten verhält. Man will ja hoffentlich nicht überall die Städte mit Einkaufscentren zubauen?
Fragen gibt es viele; gute Antworten und sehr gute Überlegungen auch. Bitte, lasst es auch umsetzbar sein!

36
15.01.2012
Tom meint dazu:
Ich würde Frau Octavia empfehlen, die Auswertung der Befragung mal richtig zu lesen. Mitnichten wurde z.B. festgestellt, dass die deutschen Bürger nur zum Tanken nach Polen fahren. Wenden Sie sich doch bitte an die IHK - sicherlich wird man Ihnen das Material zur Verfügung stellen.

37
15.01.2012
Cassi meint dazu:
Wurde es sehrwohl: Zitat: "Während sich die Deutschen mit der Ausgabe von durchschnittlich 50 Euro am Tag begnügen – und dies wahrscheinlich oft nur an der Tankstelle tun – geben die Polen bis zu 100 Euro aus – bevorzugt für Bekleidung, Drogerieartikel, Lebensmittel und Schuhe."
nachzulesen: http://www.alles-lausitz.de/startseite/wirtschaft/5796064_polen_retten_in_goerlitz_jobs_im_einzelhandel.html

im 4. Abschnitt.

Richtig lesen, dann meckern :-))

38
15.01.2012
Heide Octavia meint dazu:
@ Tom

Zur Vervollständigung führe ich das Zitat an, auf das ich mich bezog:

„Während sich die Deutschen mit der Ausgabe von durchschnittlich 50 Euro am Tag begnügen – und dies wahrscheinlich oft nur an der Tankstelle tun – geben die Polen bis zu 100 Euro aus – bevorzugt für Bekleidung, Drogerieartikel, Lebensmittel und Schuhe.“ (Internet: http://www.alles-lausitz.de/startseite/wirtschaft/5796064_polen_retten_in_goerlitz_jobs_im_einzelhandel.html, Stand: 15. Januar 2012)

Dazu meine Reaktion:

„Im Ergebnis der Umfrage wird vermutet, dass deutsche Kunden in Polen Geld überwiegend für das Tanken ausgeben.“

Es muss sicherlich noch einmal über den Urheber dieser Aussage nachgedacht werden. Es handelt sich nach dem Querlesen des u. g. Artikels aus der Sächsischen Zeitung vermutlich um eine Aussage des Autors Frank-Uwe Michel.

@ Cassi und @ Tom – Sie haben beide recht.

Ich ändere meine Aussage

„Es wird in Polen nicht nur getankt, wie Herrn Puppe vermutet.“

in

„Deutsche Konsumenten geben nicht zum überwiegenden Teil 50 Euro an der Tankstelle aus, wie Frank-Uwe Michel vermutet.

Die genauere Aufschlüsselung ist in der Sächsischen Zeitung unter „Und deshalb kommen Görlitzer gern nach Zgorzelec„ (Internet, Stand: 13. Januar 2012) zu finden.

„Über 44 Prozent bezahlen sogar nur bis 50 Euro [...]“ und „Über die Hälfte der Kunden verbindet den Einkauf auch mit dem Tanken.“ Daraus wurde im Niederschlesischen Kurier vermutlich die o. g. Aussage formuliert.

Folgende Kritikpunkte behalte ich allerdings bei:

- nicht repräsentative Umfrage
- Vernachlässigung des Einflusses von Tageszeit, Wochentag und saisonaler Einflüsse
- Ausblendung von Dienstleitungen, darauf aufbauend eine unzureichende Überlegung zur Standortwahl der Befragungen

Diese leiten sich aus dem Artikel des Niederschlesischen Kuriers ab. Das Zahlenwerk stand in meinem Beitrag aus den genannten Gründen nicht zur Diskussion mit einer Ausnahme, die 21 Prozent der Görlitzer Unternehmen, die dem Handel zuzurechnen sind. Die Angabe „6,2 Prozent Zustrom polnischer Kunden auf die Berliner Straße“ diente in meinem Beitrag lediglich als Orientierungsmarke zum Vergleich des zugrunde gelegten Artikels von Frank-Uwe Michel.


Ich danke Ihnen für den Hinweis. Niemand ist unfehlbar. Ich arbeite an der Qualität und sichere zu, Recherchefehler im Vorfeld abzustellen.

39
13.05.2012
Unbekannt meint dazu:
dies ist so ein Unsinn, was du schreibst, eigentlich passt du sehr gut in diesen Stadtrat, sofort auf die Kandidatenliste für 2014

40
13.05.2012
Jens meint dazu:
Wenn der durchschnittliche Görlitzer am Tag ca. 50,- Euro ausgibt, wie es hier heißt, dann wäre die Welt ja in Ordnung.Ca. die Hälfte aller Görlitzer, haben allerdings am Tag nur ein Budget von ungefähr 2ß,- Euro zum Leben und zum Sterben zur Verfügung.Von welchem "Stern Görlitz" also, schreibt hier der Herr Puppe`Der ist so Realitätsfremd, wie ein eskimo der über Görlitz berichten soll!

41
14.05.2012
Unbekannt meint dazu:
Wenn die eine Hälfte 20 Euro hat, hat die andere vielleicht 80 Euro. Man kann doch nicht bestreiten, dass nicht auch finanzstarke Bürger in Görlitz leben.

neuen Kommentar schreiben

Ich möchte automatisch eine E-Mail bei neuen Kommentaren erhalten.



Tags zum Beitrag

Heinz-Nettekoven     Florana     B40