Es ist das Top-Thema in Görlitz worüber derzeit am meisten diskutiert wird - und das ist auch gut so. Der Investor Nettekoven möchte in Görlitz für 30 Millionen eine neue Einkaufspassage auf der Berliner Straße bauen. Und wie bei vielen anderen größeren Projekten auch, gibt es hier heftige Diskussionen über den möglichen Abriss von Gebäuden. Viele sind dafür, viele sind dagegen und die von der neuen Passage profitieren könnten sind allemal dafür. Eine Zeitung schrieb „Er ist der Stern am Himmel”, aber ist es wirklich so? Fakt ist jedoch das Herr Nettekoven ein Unternehmer ist, der Geld verdienen will und auch muss. Von der Meinung, er habe sich in die Stadt Görlitz verliebt, kann nicht wirklich die Rede sein. Machen wir ein Streifzug auf das bisher gesagte und auf bisher geäußerte Meinungen und Reaktionen.
Doch zunächst eine Bildmontage (alte Aufnahme) zur besseren Vorstellung um welche Fläche es überhaupt geht.
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Die rötliche Fläche ist ungefähr die Fläche, die für den Neubau der Passage weichen müsste. Gleich mehrere Häuser müssten den Erdboden gleich gemacht werden, worüber natürlich der Görlitzer Denkmalschutz nicht glücklich ist. Die ersten Entwürfe und Diskussionen fanden (wie in so meisten Fällen) hinter verschlossenen Türen der Stadt ab - keine Möglichkeit für Bürger um ihre Meinung zu sagen.
Schnell läuten beim Denkmalschutz die Alarmglocken, denn denkmalgeschützte Häuser müssten abgerissen werden und die Chancen Weltkulturerbe zu werben könnte sich in Luft auflösen. Nettekoven plant nun eine Version bei der die historischen Fassade an der Berliner Straße bleibt und der Bereich auf der Salomonstraße ein Neubau bekommt. Dennoch kommt es zu Auseinandersetzungen mit dem Denkmalschutz und der Investor schreibt der Sächsische Staatskanzlei über die Ablehnung seiner Pläne durch die Denkmalschutzbehörden. Und auch von der Interessengemeinschaft Historisches Görlitz gibt es Kritik zum großflächigen Abriss.
Wirtschaftsförderer (wie soll es auch anderes sein) werben natürlich für die neue Passage. „Eine Verweigerungshaltung gegenüber dem Shopping-Center ist wahrscheinlich die größte Gefahr für eine erfolgreiche Bewerbung um den Welterbe-Titel” erklärte der Europastadt-Geschäftsführer Lutz Thielemann gegenüber einer Zeitung. Klar was soll ein Dienstleistungsunternehmen der Stadt auch sonst sagen.
Schnell werden Vergleiche aus früheren Zeiten gezogen wo auch über große Fläche von Gebäuden abgerissen wurden. Bürger mit gemalten Transparente gingen noch auf die Straße und demonstrierten gegen Abriss. Das meiste musste aber auf Grund von Sicherheitsabbrüche wie zum Beispiel beim Waggonbau abgerissen werden. Mit der Wende kam auch die neue Abriss-Politik in die Stadt Görlitz. Und es dauert nicht lange und der Machtkampf der Städte beginnt. Nach dem Motto „wenn ihr ein Einkaufszentrum baut, dann bauen wir auch eins” werden Pläne geschmiedet und schnell geht der Kampf (Center-Konkurrenz) um Kunden in Bautzen, Zittau und Görlitz los. Frag sich allerdings wo das ganze enden los.
Nach dem Bekanntwerden der Pläne von Nettekoven wurden schnell Vergleiche zu seinen bisherigen Bauten in anderen Städten, wie zum Beispiel Dresden Löbtaupassage, gezogen und sehr schnell sprach man von einer 0-8-15 Fassade. Damit hätte aber der heutige 84-jährige Investor rechnen müssen, denn seine Bauten in Dresden sehen langweilig aus, protzige und graue Betongebäude und passen nicht in das Stadtbild einer historischen und vom Krieg fast verschonten Stadt wie Görlitz und sehr viele Bürger sehen das auch so.
Die Gefahr als Welterbe-Kandidat zu verlieren ist groß, auch wenn der OB Paulick (kurz vor den OB-Wahlen) hier von keiner Gefahr spricht. Görlitz will natürlich den Welterbe-Titel bekommen was natürlich zusätzliche Gelder der Stadt einbringen könnte. Andere Projekte (Stadthalle, Theater etc.) könnte davon gut profitieren. Die Erhaltung historischer Gebäude belebt nun mal auch den Tourismus.
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Meinungen von Lesern gehen hier sehr weit auseinander und das auch gut so und auch wichtig. Während einige Bürger von einem klaren Widerstand gegen diesen Investor sich aussprechen und dem ganzen einen fetten Riegel davor schieben möchten, sagen andere das Görlitz nicht als Museum abgestempelt werden sollte. Es muss auch der Mut für etwas neues vorhanden sein. Natürlich, aber ob das allerdings ein Abriss von mehreren Gebäuden rechtfertigt?
Wenn es nach dem Technischen Ausschuss ginge könnte schon Ende Januar 2012 ein Bebauungsplan aufgestellt werden. In einer nicht-öffentlicher Sitzung sah es jedenfalls die Mehrheit der Mitglieder so und sprach sich für ein klares "JA" aus. In einer weiteren nicht-öffentlichen Informationsveranstaltung präsentierte Nettekoven seine Pläne den Stadträten.
Für Oberbürgermeister Joachim Paulick brennt die Luft, denn kurz vor seinem Abtreten was sicherlich auf passieren wird, muss er Entscheidungen treffen die dem Projekt natürlich nicht schaden. „Das sind zwei Paar Schuhe und sie sind getrennt zu behandeln” heißt es in einer Pressemeldung vom 05.01.2012 zu B40 und der Welterbe-Bewerbung. „Es hilft niemanden, wenn in der Öffentlichkeit Fronten aufgebaut werden und der Denkmalschutzbehörde oder dem Investor Blockade vorgeworfen werden. Deshalb hoffen wir auf die Besonnenheit der Görlitzer Bevölkerung; ehe vorschnelle Urteile für oder gegen die beiden Vorhaben gefällt sind. Unser Bestreben ist es, beide Vorhaben erfolgreich zum Nutzen der Stadt zum Ziel zu führen.”, so Oberbürgermeister Joachim Paulick.
Natürlich will Paulick das Welterbe und die Passage - welcher OB würde hier auch was anderes sagen. Er hat allerdings auch Angst, dass durch die Stimmungsmache der Bürger und der Denkmalpflege der Investor von seinen Plänen abspringen könnte. Es wäre auch durchaus möglich das der Investor hier ein Ultimatum setzt wodurch die Probleme nicht besser werden. Nettekoven will aber schon im Frühjahr eine Klarheit bekommen - sagt er gegenüber einer Zeitung.
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Es ist der 12.01.2012 und man hofft auf neue Entwürfe was die Gestaltung der Fassade betrifft. Parkhaus am Bahnhof, Polizeidirektion an der Brunnenstraße oder der neue Parkplatz auf dem Gelände vom ehemaligen Waggonbau zeigen das es im Bezug Fassade auch anders geht - ok, auch wenn das ein oder andere etwas merkwürdig aussieht.
Nun meldet sich auch Herr Christian Puppe von der IHK Görlitz zu Wort und ärgert sich über das Verhalten der Denkmalschutzbehörde. Und bezeichnet den Denkmalschutz als „Sargnagel der Stadtentwicklung”. Schließlich warte man über 20 Jahre bis etwas beim oberen Teil der Berliner Straße passiert. Nur so könne Görlitz wieder als Einkaufsstadt für das Umland attraktiv werden, auch nach Polen so die Worte von Herrn Christian Puppe. Klar was soll er sonst auch sagen, wenn sich ihm praktisch vor der Haustür eine Goldgrube bilden könnte. Hierbei wird aber nicht erwähnt das in Görlitz immer mehr kleinere Läden zu machen, weil die Kaufkraft zu gering, das Geld nicht so locker sitzt und kleine Läden mit der Konkurrenz der größeren Supermärkte nicht mithalten können. An dieser Stelle wird auch noch nicht erwähnt, dass im Grunde polnische Kunden für Umsätze sorgen. Wer also von der neuen Passage tatsächlich profitiert ist sehr fraglich und sicherlich sind es nicht die wenigen neuen Arbeitsplätze.
Das der obere Teil der Berliner Straße belebt werden muss, will wohl jeder Görlitzer und da ist man sich auch einig. Und bei den ganzen Diskussionen wird völlig die Tatsache übersehen was ein Tourist der aus dem Bahnhof kommt wohl als erstes sieht. Und so gibt es auch von Bürgern der Stadt Görlitz einige Überlegungen, dass man im Grunde auch ein Einkaufszentrum an anderen Standorten bauen könnte. Warum muss es unbedingt Berliner Straße sein? Schnell kommt das ehemalige Kaufhaus ins Spiel. Jedoch ist das mit diesem Kaufhaus so ein Problem denn die Eigentümer sitzen in London und zeigen sich stur und nicht verhandlungsbereit. In der Zwischenzeit droht auch dem Kaufhaus der Zerfall. Wind und Wetter sind für ein ungenutztes Gebäude die Todesstrafe. Als Beispiel sei hier das Eckhaus Weberstraße/Untermarkt genannt was nun durch die Stadt gesichert werden muss. Es gibt aber noch mehr Flächen und so stehen auch auf der Bismarktstraße und/oder Schützenstraße eine Vielzahl von Häusern leer, die nicht alle unter Denkmalschutz stehen.
Wenn auch spät nutzt die Linkspartei das aktuelle Thema um eine öffentliche Diskussion unter dem Motto „Brauchen wir ein neues Einkaufscenter und müssen dafür alte Häuser weichen?” am Samstag den 28. Januar, 15 Uhr, im Bahnhof Gleis 1 durchzuführen. Vermutlich haben sie übersehen, dass solche öffentliche Diskussion im Netz schon lange stattfinden. Eingeladen sind neben Vertretern der Stadt, des Investors und des Denkmalschutzes auch alle interessierten Bürger. Und wenn von Vertretern die Rede ist, wird sich mit Sicherheit ein Herr Nettekoven nicht persönlich den Fragen womöglicher Bürger stellen.
Nur wenige Tage später gibt es eine Infoveranstaltung der CDU. Am 31. Januar, 18.30 Uhr im Schankhaus „Zum Nachtschmied” wird Nettekoven sein Projekt einer Einkaufspassage auf der oberen Berliner Straße vorstellen. „Solche wichtigen Projekte für die Stadt dürfen nicht hinter verschlossenen Türen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit diskutiert werden” heißt es vom CDU-Vorsitzender Octavian Ursu. Auch diese Veranstaltung ist öffentlich und alle Görlitzer sind eingeladen.
Zum Schluss noch Reaktion von Bürgern. Hier wird Herrn Puppe von der IHK Görlitz mit seiner Aussage gegenüber dem Denkmalschutz kritisiert. Er bezeichnete den Denkmalschutz als „Sargnagel der Stadtentwicklung” und hat sich damit keine Freunde gemacht. Herr Nettekoven wird auch nicht als lustiger Rentner angesehen der sich mal eben in Görlitz verliebt hat. Investoren geben keine 30 Millionen aus wenn da nicht das doppelte wieder verdient wird. Er will nur bauen, verpachten, verkaufen und weg.
Die Geschichte Nettekoven und das Projekt Einkaufspassage in Görlitz geht weiter.
bisherige Kommentare
Die Kommentare spiegeln die Meinung der Leser wieder und stellen nicht unbedingt die Haltung der Redaktion dar.
1
19.01.2012
Unbekannt meint dazu:
Einkaufspassage- ja, Abriss historischer Gebäude- nein
2
20.01.2012
Frabi meint dazu:
Es ist ja nicht alles schön und erhaltenswert, was dort steht, im Innenhof kann man ja komplex abreissen was sowieso marode war, aber wenn der Denkmalschutz die Fassaden Berliner Str. oder Salomaonstr. 10-12 niedermachen lässt, dann hat die Behörde keine Daseinsberechtigung mehr. Nun muss der Denkmalschutz entscheiden, ob er auf seine Bestimmung oder IHK President Puppe hört. Wenn letzteres der Fall ist, kann man ja vor der Peterskirche noch einen Burgerladen eröffnen, da is auch noch Platz!
3
20.01.2012
Robert meint dazu:
Ich war neulich in Goslar zu Besuch. Eine wirklich schöne, mittelalterliche Stadt. Sehr sehenswert! Dort steht in der Fußgängerzone ein Karstadtkaufhaus. Ich schätze mal, dass es in den 70ern gebaut wurde. Ein wirklich hässlicher Betonklotz, umgeben von Fachwerkhäusern.
Ohne näheres zu wissen, vermute ich stark, dass der damalige Stadtrat auch keine Probleme mit der Zustimmung hatte. Jetzt aber würde mich die Meinung der Stadt und der Leute dazu interessieren. Sind sie glücklich damit oder eher nicht? Ich vermute eher letzteres.
Heutige Verantwortliche sollten solche (Negativ-)Beispiele doch kennen. Ich frage mich dabei immer, ob die Leute nicht aus der Verganganheit lernen wollen oder können. Es werden immer die gleichen Entscheidungen getroffen.
Die Stadt Frankfurt/M. bspw. hat sich in den letzten Jahren für den Abriss einer solchen Bausünde entschieden. Nach nur 30 Jahren wurde das Technische Rathaus abgerissen. An dessen Stelle werden die alten, dafür abgerissenen Straßenzüge wieder rekonstruiert (siehe Wikipedia).
Ein solches Szenario sollte die Stadt Görlitz in seine Überlegungen mit einbeziehen. Langweilige Zweckbauten werden niemals auf längere Zeit Bestand haben. Und mehr kann man von einem Nettekoven-Projekt auch nicht erwarten. Es ist ein Zweckbau, um Geld zu verdienen.
4
20.01.2012
Cassi meint dazu:
was bauen die denn gerade oben Berliner Straße? Kurz vorm New Yorker, vom Bahnhof kommend???
5
21.01.2012
Redaktion [Gr] meint dazu:
Zitat von Cassi„was bauen die denn gerade oben Berliner Straße? Kurz vorm New Yorker, vom Bahnhof kommend???”
Das neue Landesradamt Görlitz.
6
25.01.2012
puppex meint dazu:
Warum rekonstruiert Herr Nettekoven denn nicht die obere Berliner Str.? (Zwischen New Yorker und Bahnhof). Dann würden sich auch wieder mehr Läden ansiedeln und das allgemeine Stadtbild verbessert sich.
Eine neue Einkaufspassage bringt auch nicht mehr Kaufkraft als eine schöne rekonstruiert Berliner Str. Haben wir denn nicht noch ein Einkaufszentrum, welches sogut wie leer steht und maximal am Wochenende gut befüllt die Kassen klingeln lässt? Mit etwas mehr flair und ansprechenden Geschäften kann man eventuell etwas bewegen, aber dafür ist keine neue Einkaufspassage von Nöten. Darum bitte ich Sie Herr Nettekoven stellen Sie sich die Berliner Str. einmal vor, mit einem super tollen Einkaufszentrum neben leeren, maroden zeitgeschichtlichen Schätzen. Sieht das nach Gewinn aus?
Investoren sollten wirklich erst überlegen und dann das Geld ausgeben!
7
30.01.2012
Pe.Ka.Ku. meint dazu:
Herr Nettekoven baut und verkauft. Damit macht er Gewinn. Mit viel Geduld von Seiten der Görlitzer Bürger wird er möglicherweise ein Schmuckstück bauen. Das sollte aber nicht der Selbstzweck, sondern muss einem besonderen Einkaufserlebnis den würdigen Rahmen geben. Zum Beispiel Einkaufen und eine Theater- Probenbühne. Auf dieser könnten vor allem Laien, Schulen und andere kommunale Einrichtungen sprechen und vorlesen. Auch Parteien könnten ein wenig mehr in die Öffentlichkeit gehen.
So weit, so gut.
Freundlichst Pe.Ka.Ku. am 30.01.2012
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